Deutschland, die EU und die Illusion vom grünen Kapitalismus

Warum ein gemeinwohlorientiertes Hybridmodell keine Ideologie, sondern eine Notwendigkeit ist


Einleitung: Die deutsche Sonderillusion

Deutschland und die Europäische Union inszenieren sich gern als Vorreiter der „grünen Transformation“. Tatsächlich wird jedoch versucht, ein wachstumsabhängiges Wirtschaftssystem ökologisch zu reparieren, ohne seine strukturellen Widersprüche anzutasten.

Diese Strategie beruht auf der Annahme, dass:

  • Wirtschaft weiter wachsen kann,
  • Ressourcenverbrauch absolut sinkt,
  • soziale Stabilität erhalten bleibt,

ohne grundlegende Änderungen an Marktlogik, Eigentumsverhältnissen und politischer Steuerung.

Diese Annahme ist empirisch nicht belegt – und zunehmend widerlegt.


1. Deutschlands strukturelles Problem: Export, Wachstum, Energie

Das deutsche Wirtschaftsmodell basiert auf:

  • hohem Exportüberschuss
  • energieintensiver Industrie
  • globalisierten Lieferketten
  • Lohndruck und externer Kostenverlagerung

Dieses Modell war nur stabil, solange:

  • fossile Energie billig war,
  • ökologische Schäden ausgelagert werden konnten,
  • geopolitische Abhängigkeiten ignoriert wurden.

Die Klimakrise, der Energiepreisschock und globale Instabilität haben diese Grundlage dauerhaft zerstört.

Ein „Weiter so, nur effizienter“ ist keine Option.


2. Warum marktradikaler Klimaschutz in der EU scheitert

Die EU setzt primär auf:

  • Emissionshandel
  • Marktanreize
  • private Investitionen

Diese Instrumente sind notwendig, aber nicht ausreichend.

Zentrale Schwächen:

  • Preise steuern keine absoluten Mengen
  • Reiche Akteure kaufen sich frei
  • Infrastruktur entsteht zu langsam
  • soziale Spaltung nimmt zu

Der Markt reagiert reaktiv, während Klimaschutz proaktive Planung erfordert (Netze, Speicher, Verkehr, Wohnen).


3. Planung existiert bereits – aber schlecht koordiniert

Entgegen der politischen Rhetorik ist Deutschland längst teil-planwirtschaftlich organisiert:

  • Energienetze
  • Verkehrs- und Wohnungsbau
  • Landwirtschaftssubventionen
  • Industriepolitik
  • Kriseninterventionen (Banken, Energie, Pandemie)

Der Unterschied:
Diese Planung ist fragmentiert, lobbygetrieben und kurzfristig.

Die Frage ist nicht, ob geplant wird, sondern:

wer plant, mit welchem Ziel und unter wessen Kontrolle


4. Das rationale Gegenmodell: Gemeinnutz + Planung + Markt

4.1 Gemeinnutz als harte Zielvorgabe

In Deutschland und der EU müsste gelten:

  • ökologische Tragfähigkeit
  • soziale Mindeststandards
  • Versorgungssicherheit

als verbindliche wirtschaftliche Zielgrößen, nicht als freiwillige CSR-Übung.

Unternehmen bleiben privat – aber:

  • Profite sind begrenzt durch Gemeinwohlkriterien
  • systemschädliche Geschäftsmodelle werden ausgeschlossen

4.2 Bottom-up koordinierte Planung statt Zentralismus

Klimarelevante Bereiche müssen geplant werden:

  • Energie
  • Verkehr
  • Wohnen
  • Rohstoffe

Aber:

  • nicht zentralistisch
  • nicht technokratisch

Sondern:

  • Kommunen und Regionen melden Bedarfe
  • Bürger*innenräte legitimieren Prioritäten
  • nationale und EU-Ebene koordiniert Ressourcen und Budgets

Der Markt agiert innerhalb dieser Leitplanken.


5. Warum das kein „Sozialismus“ ist – und auch kein Kapitalismus mehr

Dieses Modell:

  • schafft Märkte nicht ab
  • verstaatlicht nicht flächendeckend
  • ersetzt Wettbewerb nicht durch Befehle

Aber:

  • Wachstum ist kein Selbstzweck mehr
  • Kapitalrendite ist begrenzt
  • ökologische Grenzen sind nicht verhandelbar

Damit verlässt es den klassischen Kapitalismus – ohne in autoritäre Planwirtschaft zu kippen.


6. Die eigentlichen politischen Blockaden in Deutschland und der EU

Die Umsetzung scheitert nicht an Wissen oder Technik, sondern an:

  • Besitzstandsinteressen
  • fossilen und finanzwirtschaftlichen Lobbys
  • politischem Kurzfristdenken
  • Angst vor Machtverlust

Die größte Gefahr ist daher nicht „Überregulierung“, sondern:

Verzögerung bis zur erzwungenen Notfallpolitik


7. Die unbequeme Alternative

Wenn Deutschland und die EU:

  • keine koordinierte Planung etablieren
  • soziale Gerechtigkeit vernachlässigen
  • weiterhin auf Markt-Selbstheilung setzen

dann folgt:

  • ungeplante Knappheit
  • soziale Konflikte
  • autoritäre Eingriffe im Krisenmodus

Nicht als Ideologie – sondern als Reaktion auf Chaos.


Fazit

Für Deutschland und die EU lautet die reale Wahl nicht:

Kapitalismus oder Sozialismus

Sondern:

demokratisch geplante Transformation
oder chaotischer Systemverfall mit autoritären Korrekturen

Ein gemeinnutzorientiertes, stark reguliertes Marktsystem innerhalb einer bottom-up gesteuerten Planungsstruktur ist kein radikales Experiment, sondern die konservativste Option, um gesellschaftliche Stabilität unter Klimabedingungen zu erhalten.

Alles andere ist Wunschdenken.

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